Postkarten (Vorder- und Rückseite).

Animation 2010

Motiv der Postkartenserie.

Im Kontext der Ausstellung zur NS-Zwangsarbeit im Königsschloss zu Warschau liegen Postkarten in Warschauer Kneipen und Cafés aus.

Foto: Anke Heelemann, 2010

Postkarten

Ab Anfang Januar 2013 finden sich in Warschauer Cafés und Kneipen Postkarten, die allein schon mit ihrer schwarzweißen Optik ein wenig aus dem Rahmen fallen. Wer sie in die Hand nimmt, sieht in freundliche Gesichter. Es müssen wohl alte Privataufnahmen sein, die Kleidung stammt sichtbar aus den 1940er-Jahren. Wer etwas genauer hinschaut, findet jedoch irritierende Details, die schon darauf hinweisen, dass hier etwas nicht stimmen kann: Da steht im Hintergrund ein Lagerzaun, eine Frau trägt auf ihrer Kleidung die Kennzeichnung „P“, das Schild einer Ortsgruppe der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) ist zu erkennen.

Die acht Motive, die für die Postkartenserie verwendet werden, stammen überwiegend aus dem Sammlungsbestand der Stiftung „Polnisch-Deutsche Aussöhnung“. Als Partnerorganisation der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ war sie für die Auszahlung finanzieller Unterstützungen an ehemalige Zwangsarbeiter in Polen verantwortlich. Sie verfügt über die Privatfotos, da ihr diese bzw. Kopien von ehemaligen Zwangsarbeitern zum Nachweis über ihren Zwangsarbeitseinsatz überlassen wurden.

Zusammen mit den ebenfalls gesammelten Erinnerungsberichten entstand ein einzigartiger Bestand historischer Privatfotos, der einen bemerkenswerten Blick in den Alltag der Zwangsarbeit im Deutschen Reich ermöglicht. So treten in der Postkartenserie die Zwangsarbeiter dem Betrachter als selbstbewusste Menschen entgegen. Ihre Erinnerungsberichte dokumentieren jedoch die Umstände, unter denen die Fotos entstanden.

Privatfotos von Zwangsarbeitern

Auf den ersten Blick wirken die Motive auf den Privatfotos irritierend: Sie zeigen Zwangsarbeiter in scheinbar privaten, alltäglichen Momenten. Wichtige Sphären des Zwangsarbeitsalltags – Arbeit, Gewalt, Widerstand oder Flucht – werden von den Privatfotos nicht erfasst.

Die verschleppten Kinder, Jugendlichen, Frauen und Männer wollten für sich ein Stück Normalität erkämpfen und so der Rolle der Entrechteten, die ihnen von den Nationalsozialisten zugewiesen wurde, entfliehen. Damit zeigen die Bilder vorwiegend jene Erfahrungen von Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen, an die sie sich gerne erinnern wollten. Häufig versuchten sie mit den Fotos auch, für ihre Angehörigen ein positives Bild ihrer Lebensumstände im Zwangsarbeitseinsatz zu zeichnen, um sie zu beruhigen.

Entsprechend dem rassistischen Regelwerk der Deutschen war polnischen – ebenso wie sowjetischen – Arbeitskräften der Besitz eines Fotoapparats streng verboten. Daher fungierten häufig westeuropäische oder tschechische Zwangsarbeiter, die eine Kamera besitzen durften, als Fotografen der polnischen und sowjetischen Arbeitskräfte. Daneben verdienten auch deutsche Fotografen an den Fotos osteuropäischer Arbeitskräfte: Beispielsweise erinnern sich ehemalige Zwangsarbeiter und ‑arbeiterinnen in Berlin daran, dass an vielen öffentlichen Orten deutsche Fotografen anboten, die ausländischen Arbeitskräfte gegen Bezahlung abzulichten. Viele der Fotos wurden auch in deutschen Fotoateliers aufgenommen, als Postkarten gedruckt, um dann von den Zwangsarbeitern als beruhigendes Lebenszeichen an ihre Familienangehörigen geschickt zu werden. Und schließlich besaßen manche Polen und Sowjetbürger heimlich einen Fotoapparat.