Prof. Volkhard Knigge, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora.

Foto: Svea Pietschmann; Quelle: Jüdisches Museum Berlin

Eröffnungsabend der Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin.

V.l.n.r.: W. Michael Blumenthal, damaliger Bundespräsident Christian Wulff, Günter Saathoff, Marian Turski.

Foto: Svea Pietschmann; Quelle: Jüdisches Museum Berlin (Ausschnitt)

Rede von Volkhard Knigge, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Zur Ausstellung

- Es gilt das gesprochene Wort -

Es scheint, als sei über den Nationalsozialismus alles bekannt: Eine düstere Zeit, viel Leid auf allen Seiten, deutsche Verbrechen, ja – aber ..., die Nationalsozialisten, Unmenschen von einem anderen Stern, Anteilnahme für Opfer, gewiss – aber was wissen wir wirklich, wollen wir wirklich wissen, tiefenscharf und genau, über die Deutschen und die deutsche Gesellschaft der so kurzen, so drückend langen und lange nachwirkenden Zeitspanne von 1933 bis 1945? Was ist nachhaltig begriffen in Bezug auf die Ursachen dieser alltäglich praktizierten Ungleichheit und Ungleichwertigkeit von Menschen, wenn Behauptungen, die der Menschenfeindlichkeit damals Vorschub leisteten, zumindest annähernd Debatten heute – wie die zur Integration – mitprägen können? Die Geschichte der nationalsozialistischen Zwangsarbeit wirft unvermeidlich solche Fragen auf. Denn sie ist nicht nur eine Geschichte der Entrechtung, Entwürdigung und der rücksichtslosen Ausbeutung wie auch eine Geschichte der dafür verantwortlichen politischen, administrativen und wirtschaftlichen (Groß-)Akteure. Sie ist zugleich eine Beziehungsgeschichte von (Alltags-)Deutschen sowie Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, die über die Geschichte der Zwangsarbeit im engeren Sinn hinaus deutlich macht, wie stark die deutsche Gesellschaft nationalsozialistisch durchdrungen wurde.

20 Millionen Menschen aus fast allen Ländern Europas mussten für das nationalsozialistische Deutschland Zwangsarbeit leisten, sowohl in den von den Deutschen besetzten oder kontrollierten Ländern als auch im Deutschen Reich. Die diesen Menschen abgepresste Arbeit war unabdingbar für die Kriegsführung und sie trug zur Sicherung des Lebensstandards der Deutschen im Krieg bei. Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sind überall eingesetzt worden: in Rüstungsbetrieben ebenso wie auf Baustellen, in der Landwirtschaft, im Handwerk, in öffentlichen Einrichtungen oder in Privathaushalten. Ob als Besatzungssoldat in Polen oder als Bäuerin in Thüringen – alle Deutschen begegneten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, mussten sich entscheiden, wie sie sich zu den angeblich Minderwertigen verhielten.

Die Geschichte der Zwangsarbeit als einem weitgehend öffentlichen Verbrechen in all seinen Voraussetzungen, Entwicklungen und Ausprägungen zu zeigen, ist das Anliegen der Ausstellung. Damit geht sie über bisherige Ausstellungen hinaus, zumal die Geschichte der teils über Jahrzehnte verweigerten Anerkennung und Entschädigung ebenfalls dargestellt wird.

Im ersten Abschnitt – 1933 bis 1939 – geht es um die rassistisch-ideologischen Wurzeln der Zwangsarbeit. Zwangsarbeit wird erkennbar als zentraler Bestandteil der nationalsozialistischen Gesellschaftsordnung. Sie war kein Abfallprodukt des Krieges. Was in diesen Jahren propagiert und mit breiter gesellschaftlicher Teilhabe in die Praxis umgesetzt wurde, bildet den Ausgangspunkt für die nachfolgende Radikalisierung der Zwangsarbeit im besetzten Europa, bis hin zur Arbeit als Vernichtung. Davon ist im zweiten Ausstellungsteil die Rede. Der dritte Abschnitt wendet sich der Zwangsarbeit – als Massenphänomen – im Deutschen Reich ab 1941/42 zu. Er endet mit der Darstellung von Massakern an Zwangsarbeitern bei Kriegsende. Der vierte Teil umfasst die Zeit von der Befreiung 1945 bis in die Gegenwart. Behandelt werden die unmittelbaren Folgen der Befreiung, Ansätze der juristischen Ahndung und Aufarbeitung und schließlich der lange Weg vom Beschönigen und Beschweigen hin zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung und Anerkennung der Zwangsarbeit als Verbrechen. Das letzte Wort haben ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter.

Die rassistische Herabstufung und Ausgrenzung angeblich Minderwertiger, die Trennung von „Herrenmenschen“ und „Arbeitsvölkern“ ermöglichte „arischen“ Deutschen nicht nur wirtschaftliche Vorteile, sondern auch eine im Alltag erlebbare Aufwertung. Mit der Herausarbeitung der nationalsozialistischen Durchdringung der deutschen Gesellschaft will die Ausstellung nicht einer Kollektivschuld das Wort reden, wohl aber einen möglichst tiefenscharfen Blick auf die denkbar radikalste Form einer rassistischen Gesellschaftsordnung und ihre zerstörerischen Folgen ermöglichen.

Über sechzig repräsentative Fallgeschichten bilden den Kern der Ausstellung. Sie wurden akribisch in einer Vielzahl von Archiven weit über Europa hinaus eigens für die Ausstellung recherchiert. Thematisch reichen sie von der entwürdigenden Arbeit politisch Verfolgter in Chemnitz nach der „Machtergreifung“ bis hin zur mörderischen Sklavenarbeit von Juden im besetzten Polen oder dem Zwangsarbeitsalltag auf einem Bauernhof in Niederösterreich. Ihre Auswahl wurde davon bestimmt, allen Opfergruppen und ihren spezifischen Erfahrungen Ausdruck zu geben und die verschiedenen Einsatzformen und Einsatzgebiete sowie die Schlüsselbranchen des Zwangsarbeitereinsatzes aufzuzeigen.

Zu den Überraschungen der Archivrecherchen gehörte die Entdeckung einer unerwartet breiten und dichten fotografischen Überlieferung signifikanter Ereignisse. Deren quellenkritisch fundierte Präsentation in Verbindung mit den Fallgeschichten bildet – inhaltlich, gestalterisch und ausstellungsdidaktisch – die zweite Säule der Ausstellung.

Besonderer Dank gilt der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, die die Ausstellung nicht nur angeregt und finanziert hat, sondern die sich für eine in jeder Hinsicht historisch genaue – und nicht lobhudelnde – Ausstellung stark gemacht hat. Größten Dank schulden wir allen ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, die das Projekt in den drei Jahren seiner Vorbereitung in so vieler Hinsicht freundschaftlich begleitet haben. Und Ihnen, Herr Bundespräsident, gebührt Dank, weil Sie durch Ihre Schirmherrschaft und ihre Anwesenheit heute nicht nur die Opfer ehren, sondern die Bedeutung kritischer historischer Selbstvergewisserung für die Entwicklung und Bewahrung humaner Gesellschaft und demokratischer Kultur unterstreichen.