Marian Turski, Historiker, Journalist und Überlebender der KZ Auschwitz und Buchenwald.

Foto: Svea Pietschmann; Quelle: Jüdisches Museum Berlin (Ausschnitt)

Der Glasinnenhof des Jüdischen Museums am Eröffnungsabend, 27. September 2010.

Foto: Svea Pietschmann; Quelle: Jüdisches Museum Berlin

Rede von Marian Turski, Historiker, Journalist, ehemaliger Zwangsarbeiter und Überlebender der Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald

Sklavenarbeit. Zur Eröffnung der Ausstellung „Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg“

- Es gilt das gesprochene Wort -

Gestatten Sie, dass ich mit einem Zitat beginne... Doch vorher ein Wort zu dessen Umständen: Es ist der 4. September 1942. Ort: das Ghetto von Łódź, der Platz vor der Feuerwache, auf dem die Ghettoverwaltung der Bevölkerung Bekanntmachungen und Verfügungen zu übermitteln pflegte. Es spricht der sogenannte Judenälteste, Mordechai Chaim Rumkowski... Ich zitiere also: „Eine enorme Trauer hat das Ghetto überfallen: Man verlangt von uns herauszugeben, was uns am Teuersten ist: Kinder und alte Menschen. Ich hatte nicht das Glück, eigene Kinder zu haben, deshalb habe ich die besten Jahre meines Lebens fremden Kindern gewidmet. Ich hätte nie gedacht, dass es meine Hände sein würden, die ein solches Opfer auf den Altar legen. Das Schicksal will es, dass ich heute die Arme ausstrecken und flehen muss: Brüder und Schwestern, Väter und Mütter – liefert mir eure Kinder aus...“ Ende des Zitats. Ein tiefes Schluchzen ergriff die Menge, notierte der Chronist.

Das Zitat aus einer Rede, die man zu den tragischsten in der Geschichte der Menschheit zählen darf. Ich werde hier die Persönlichkeit Rumkowskis nicht bewerten; ich werde ihn weder verurteilen noch rechtfertigen. In ähnlicher Lage war der Vorsitzende des Warschauer Judenrats, Adam Czerniaków. Als er eine ähnlich lautende deutsche Verfügung hörte, beging er Selbstmord.

Aber, werden Sie fragen, was hat diese Rede von gleichsam Shakespearescher Tragik mit dem Thema der Ausstellung zu tun, die wir heute eröffnen? Sie hat doch einiges damit zu tun, und zwar unmittelbar! Man musste die Kinder und die Kranken und die Alten loswerden, man musste sie einfach liquidieren, damit die vorläufig übriggebliebene Bevölkerung Zwangsarbeit, Sklavenarbeit leisten konnte. Die nächste Etappe desselben Prozesses sollte für mich – knapp zwei Jahre später – eine noch schärfere Selektion auf der Rampe in Auschwitz-Birkenau sein: 80 und sogar 90 Prozent gingen ins Gas, während die vergleichsweise Jüngeren, vergleichsweise Gesünderen, vergleichsweise Stärkeren, Sklavenarbeit leisten mussten.

Gestatten Sie mir – als einem der 13 Millionen, denen diese Ausstellung gewidmet ist – nur drei, möglicherweise sehr subjektive Bemerkungen. Erstens, möchte ich Sie – und alle Besucher dieser Ausstellung – bitten, das Drama von Betroffenen wie mir zu erfassen, selbst und obwohl sie – wie auch ich – das Privileg erhielten, am Leben zu bleiben. Das Drama, wenn du dir bewusst machst, dass dieses Leben unter der Bedingung geschenkt wurde, deinem eigenen Feind von Nutzen zu sein, mit deiner Arbeit sein Potential zu vergrößern, ihm die Verlängerung des Krieges zu ermöglichen und damit dir selbst zuwider zu handeln.

Die zweite Bemerkung ist philosophischer Natur. Ein Sklavenhalter im Altertum, aber auch in der Neuzeit, hat diesen selbstverständlich ausgebeutet, wollte ihn jedoch so lange wie möglich am Leben erhalten. Wie einen Esel, ein Pferd, ein Kamel. Denn das war sein Eigentum. Hier aber bewirkte der Rassenhass, dass der Besitzer nicht mehr auf sein Vermögen, auf sein Eigentum achtete. Das Tor von Auschwitz begrüßte uns mit dem Schriftzug: „Arbeit macht frei“. Eine Lüge! Wahr wäre gewesen: durch Arbeit in den Tod.

Und zum Schluss – ich werde manchmal gefragt: Wie lange werdet ihr, die Überlebenden, gedenken und in Erinnerung rufen? Ich antworte gemeinhin: Wenn ihr nicht vergesst, werde ich schweigen können. Ich bin den Autoren dieser exzellenten, klugen und historisch sorgfältig vorbereiteten Ausstellung – und speziell dem Leiter des Projekts, Prof. Volkhard Knigge – so sehr dankbar, dass es vollkommen reicht, wenn ich nur wenige Minuten spreche.