Günter Saathoff, Vorstand der Stiftung EVZ.

Foto: Svea Pietschmann; Quelle: Jüdisches Museum Berlin (Ausschnitt)

27. September 2010.

Der Glashof des Jüdischen Museums Berlin am Abend der Eröffnung.

Foto: Svea Pietschmann; Quelle: Jüdisches Museum Berlin

Rede von Günter Saathoff, Vorstand der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ)

Erinnern und Verstehen

- Es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, Exzellenzen, sehr geehrte Damen und Herren,

ganz herzlich begrüße ich Sie seitens der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ – kurz EVZ – , auch im Namen meiner Vorsitzenden-Kollegen Dr. Salm und Dr. Jansen und unserer internationalen Kuratoren zur Eröffnung dieser Ausstellung.

Es ist nicht die Ausstellung der Stiftung EVZ. Es ist die Ausstellung der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, aber von uns initiiert und intensiv gefördert. Wir wollten ausdrücklich keine wissenschaftliche Buchreihe für Fachleute fördern, sondern ein Medium, das zur öffentlichen und zur persönlichen Auseinandersetzung mit dem Thema und auch mit den Deutungen, die darin enthalten sind, geeignet ist und dazu herausfordert.

Der Ausstellung gingen viele Jahre detaillierter Forschung und Fragen der Gestaltung voraus. Ich danke Ihnen, Herr Prof. Knigge, Herr Dr. Wagner, Herr Lüttgenau und Ihrem Team für die Mühen und die Kompetenzen, die Sie investiert haben und für die vertrauensvolle Zusammenarbeit.

Wir sind mit der Förderung dieses Projektes einem allgemeinen Auftrag gefolgt, zu dem der Deutsche Bundestag nicht nur uns, sondern sich selbst in der Präambel des EVZ-Stiftungsgesetzes verpflichtet hat. Dieser Auftrag lautet, „die Erinnerung an das Unrecht, das den Opfern des Nationalsozialismus zugefügt wurde, auch für kommende Generationen wachzuhalten“. Was heißt das überhaupt? Was beinhaltet diese Aufgabe?

Sie setzt zunächst einen Akt voraus, der Jahrzehnte lang keine Selbstverständlichkeit war: eben die Zwangsarbeit überhaupt als nationalsozialistisches Unrecht zu begreifen. Dieses Verständnis musste im Nachkriegsdeutschland in einem sehr langen Bewusstseinsprozess erst mühsam gegen innere Widerstände erarbeitet werden.

Die NS-Zwangsarbeit galt in Deutschland vor dem Jahr 2000 rechtlich als „(übliche) Begleiterscheinung von Krieg und Besatzungsherrschaft“ oder als Gegenstand des Reparationsrechts. Erst im Jahre 2000 wurde dieses Verständnis (eben durch das EVZStiftG) rechtlich überwunden.

Die Erinnerung an das NS-Unrecht wachzuhalten hat verschiedene Dimensionen. Dazu gehört der Versuch, das Ausmaß und die Bedeutung, die die Zwangsarbeit für den Nationalsozialismus hatte, zu verstehen.

Wie war es möglich, dass eine Kulturnation wie Deutschland diesen Zivilisationsbruch der Sklaverei begehen konnte?
Welche Triebkräfte leiteten das NS-Regime bei der systematischen Entwicklung seiner Deportations- und Ausbeutungspolitik, die über 20 Millionen Menschen in Europa erfasste?
Wie erklären wir uns heute die hohe Akzeptanz dafür auch in der damaligen deutschen Bevölkerung und wie war die deutsche Wirtschaft einbezogen?

Die Ausstellung thematisiert die Zwangsarbeit nicht allein als Herrschaftsinstrument, sondern auch als Ausdruck einer rassistischen Weltanschauung. Dabei zielte dieser Rassismus auf Juden, Sinti und Roma und auf die Angehörigen der slawischen Völker.

Das Jüdische Museum Berlin als Ort für die Eröffnung der internationalen Wanderausstellung steht als gastliche, weltoffene Einrichtung für das Leben der Juden in Deutschland und hat zugleich stets eine internationale Perspektive.

Ich danke Ihnen, Herr Blumenthal, Frau Kugelmann, Herr von Notz und Ihrem Team, dass Sie die erste Station der internationalen Wanderausstellung beherbergen. Ihr Haus symbolisiert die Weltoffenheit, Diskussionskultur und übergreifende Erinnerungskultur, die eine solche Ausstellung, eine solche Auseinandersetzung, braucht.

Das NS-Unrecht zu verstehen, setzt Verstehen-Wollen voraus. Man braucht Kraft, die Zumutungen an unseren Intellekt und an unsere Gefühle, die eine historische Aufarbeitung und ihre Präsentation in einer Ausstellung auslösen, etwa Scham gegenüber den Opfern und Trauer, auszuhalten. Wir können nichts ungeschehen machen und wir können als Nachgeborene auch nichts im wörtlichen Sinne „wieder-gut-machen“. Aber wir bekennen uns zu unserer heutigen Verantwortung vor der Geschichte.

Offensichtlich hat eine Gesellschaft erst nach vielen Jahrzehnten und nach Generationen die Kraft, sich dieser Herausforderung und damit der Verantwortung umfassend zu stellen. Die Fähigkeit dazu manifestiert sich zu allererst darin, wie wir mit den Opfern des Unrechts umgehen. Das galt für Deutschland und für die Stiftung EVZ als innerer Prüfstein bei der Umsetzung des internationalen Auszahlungsprogramms, das bis zum Jahre 2007 währte.

Die damit verbundene Hinwendung zu den Opfern war mehr als die Überweisung eines symbolischen Geldbetrags als Entschädigung auf ein Konto. Sie bedeutete vor allem, ihnen, den Opfern, durch die Anerkennung des Unrechts ihre Würde zurückzugeben. Das hieß auch, ihnen zuzuhören und die Verarbeitung des Erlittenen exemplarisch zu dokumentieren – auch für kommende Generationen.

Ich bin Ihnen, den Zeitzeugen, sehr dankbar, dass Sie heute zu dieser Ausstellungseröffnung bei uns sind. Sie, Herr Turski, werden heute im Namen der Überlebenden zu uns sprechen.

Lange haben die Opfer geschwiegen oder waren sprachlos, lange wollte die deutsche Gesellschaft – und nicht nur diese – von deren Schicksal nicht viel wissen. Das ist heute in Deutschland anders. Dazu die Kraft zu haben, ist, wie die Übernahme von Verantwortung für den Holocaust, auch Ausdruck einer kulturellen Weiterentwicklung Deutschlands, ein Stück innerer Selbstbefreiung.

Wie die jüngst von uns veröffentlichte kleine repräsentative Umfrage deutlich macht, haben viele junge Menschen in Deutschland ein Bedürfnis, mehr zu erfahren und zu verstehen. Das ist ermutigend.

Die Auseinandersetzung mit dem Unrecht und die Empathie für diejenigen, die gelitten haben, helfen uns zudem, unsere heutigen Werte in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu bestärken. Sie fordern uns ebenso auf, Konsequenzen für unser heutiges Zusammenleben zu ziehen, etwa in Bezug auf Minderheiten in Europa oder gegenüber neuem Antisemitismus.

In diesem umfassenden Sinne die Erinnerung an NS-Unrecht für die Zukunft wach zu halten, ist eine gesamtstaatliche und gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das symbolisieren Sie, sehr geehrter Herr Bundespräsident, heute durch Ihre Anwesenheit.

Ich bin Ihnen im Namen der Mitveranstalter außerordentlich dankbar, dass Sie – und das bereits wenige Wochen nach Ihrem Amtsantritt – die Schirmherrschaft für die Ausstellung übernommen haben.