Der "christliche, deutsche Staat Österreich"

Vor der Wiener Staatsoper am Ring, 1. Mai 1933.

Heeresminister Carl Vaugoin inspiziert die Truppen. Die Wiener Innenstadt wurde mit einem massiven Aufgebot an Waffen und Militär abgeriegelt. Polizei und Bundesheer waren angewiesen, Demonstrationen mit den schärfsten Mitteln zu unterdrücken.

ÖNB / Wien / 161.502 B

Abriegelung der Wiener Innenstadt im Bereich des Karlsplatzes, 1. Mai 1933.

Als Gegenreaktion auf das Verbot gaben die Sozialdemokraten die Parole aus: „Demonstrationen kann man verbieten, Spaziergänge sind erlaubt.“ Wiener Arbeiter gingen daraufhin vor den Barrikaden „spazieren.“

ÖNB/Wien/161.501 B

Plakat der österreichischen NSDAP, 1933.

Auch die österreichische NSDAP instrumentalisierte den 1. Mai 1933 als Tag der nationalen Arbeit. Der niederösterreichische Landtagsabgeordnete Walter Rentmeister floh nach dem Verbot der NSDAP wie viele österreichische Nationalsozialisten nach Deutschland.

ÖNB / Wien / PLA 16317833

Plakat österreichischer Sozialdemokraten, 1933.

In Reaktion auf die Bestrebungen der NSDAP verteidigten österreichische Sozialdemokraten den 1. Mai als Tag der Arbeiterklasse.

ÖNB / Wien / PLA 16317761

Plakat der vaterländischen Front, 1934.
Die Sturmschargruppen waren paramilitärische Wehrverbände der Vaterländischen Front, die auch kulturpolitische Veranstaltungen organisierten. Ab 1934 wurde der 1. Mai als Staatsfeiertag begangen, bei dem „Tag der Arbeit“, „Tag der Jugend“ und „Tag der Mutter“ mitgefeiert wurden.
Quelle: ÖNB / Wien / PLA 16318207

Der "christliche, deutsche Staat Österreich"

In Österreich verbot die Regierung Straßendemonstrationen zum 1. Mai 1933. Bundeskanzler Engelbert Dollfuß hatte am 4. März 1933 den österreichischen Nationalrat entmachtet und etablierte schrittweise ein autoritäres Herrschaftssystem. Am 1. Mai 1934 trat die neue austrofaschistische Verfassung in Kraft. Ganz bewusst wurde ein für die geschlagene politische Linke symbolträchtiger Tag ausgewählt.

Die Jahre des Austrofaschimus waren von Gewalt und der Abschaffung der Demokratie geprägt. Österreichische Nationalsozialisten verübten zahlreiche Terroranschläge. Parteien und freie Gewerkschaften wurden verboten, politische Gegner verhaftet und inhaftiert. Die Austrofaschisten propagierten ein auf christlichen und deutschen Werten basierendes, in Berufsstände gegliedertes und durch Arbeit geeintes österreichisches Volk.

Bundeskanzler Engelbert Dollfuß hielt am 11. September 1933 auf dem Trabrennplatz eine Rede, in der er die Programmatik der Vaterländischen Front darlegte:

"Wir wollen den sozialen, christlichen, deutschen Staat Österreich auf ständischer Grundlage, unter starker, autoritärer Führung. […] Wir sind so deutsch, so selbstverständlich deutsch, dass es uns überflüssig vorkommt, dies eigens zu betonen. Dass wir diesem deutschen Volke ehrlich und treu dienen wollen, das erklären wir hier. Wir wollen die guten Charaktereigenschaften des deutschen Volkes pflegen und hüten, wir wollen die dem Deutschtum eigene Mannigfaltigkeit zur Einheit führen. […] Es muss uns zum Bewusstsein kommen, dass die Arbeit die Menschen einigt."

Arbeit für die "Volksgemeinschaft"

Arbeit bedeutete im Nationalsozialismus nicht für jeden das Gleiche. Während „Minderwertige“ erniedrigende Zwangsarbeit leisten mussten, galt die Arbeit „arischer“ Deutscher als Ehrendienst am deutschen Volk.

Jeder sollte durch Arbeit seinen Beitrag zur „Volksgemeinschaft“ leisten. Diese wurde als überlegene „Blutsgemeinschaft“vorgestellt, die sich im Kampf gegen alles rassisch Fremde bewähren müsse und geadelt werde. Als Idealtypen des Kämpfers beschwor die Propaganda den deutschen Arbeiter und Soldaten. Die rassistische Leistungsideologie überdeckte soziale Gegensätze und schuf zugleich Vorwände, politische Gegner, angeblich Minderwertige und „Arbeitsscheue“ zu verfolgen.