Mit dem Anspruch, die Geschichte der NS-Zwangsarbeit umfassend darzustellen, hat sich die Ausstellung ein hohes Ziel gesetzt.

Mit einer konzentrierten Auswahl repräsentativer Einzelfälle, die intensiv ausgebreitet und in prägnante Bilder übersetzt werden, soll dies erreicht werden.

Quelle: gewerk design, Berlin

Auf Grundlage einer außerordentlich engmaschigen Überlieferung ist es möglich, historische Ereignisse und Schicksale im Detail zu rekonstruieren.

Die Ausstellung setzt diese in verdichtete Szenen um, die es den Besuchern ermöglichen, die Geschichte anhand der originalen Zeugnisse nachzuvollziehen.

Quelle: gewerk design, Berlin

In der Zusammenschau der einzelnen repräsentativen Szenen ergibt sich ein Gesamtbild der NS-Zwangsarbeit, das deren Charakter sowohl als Massenphänomen wie auch als Gesellschaftsverbrechen deutlich macht.

Quelle: gewerk design, Berlin

Konzept

20 Millionen Menschen aus fast allen Ländern Europas mussten für das nationalsozialistische Deutschland Zwangsarbeit leisten, sowohl in den von den Deutschen besetzten oder kontrollierten Ländern als auch im Deutschen Reich. Die diesen Menschen abgepresste Arbeit war unabdingbar für die deutsche Kriegsführung, und sie trug außerdem zur Sicherung des Lebensstandards der Deutschen im Krieg bei. Deutsche „Herrenmenschen“ gaben sich das Recht, Unterworfene und angebliche „Untermenschen“ rücksichtslos auszubeuten. Auch wenn die Nationalsozialisten die Zwangsarbeit Nichtdeutscher aus rassistisch-ideologischen Gründen zunächst im Wesentlichen auf die besetzten Länder beschränken wollten, gehörten Zwangsarbeiterlager sowie Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter spätestens seit 1942 zum Alltag im nationalsozialistischen Deutschland. Denn die aus allen Teilen Europas herangezogenen Arbeitskräfte sind überall eingesetzt worden: in Rüstungsbetrieben ebenso wie auf Baustellen, in der Landwirtschaft, im Handwerk, in öffentlichen Einrichtungen oder in Privathaushalten. Ob als Besatzungssoldat in Polen oder als Bäuerin in Thüringen – alle Deutschen begegneten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, fast alle waren involviert. Der Zwangsarbeitereinsatz war kein Geheimnis. Er war ein weitgehend öffentliches Verbrechen.

Die Geschichte dieses Verbrechens – zugleich eine europäische Erfahrung ohne Beispiel – in all seinen Voraussetzungen, Entwicklungen und Ausprägungen darzustellen, ist das Anliegen der Ausstellung. Zuvor gezeigte Ausstellungen, die nicht zuletzt im Kontext erstmalig breiter öffentlicher Auseinandersetzungen um Geschichte und Entschädigung der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in den 1990er Jahren entstanden, besaßen, so wichtig sie waren, überwiegend Ausschnittcharakter. Sie beleuchteten lokale Geschichte oder stellten einzelne Unternehmen und Gruppen von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern in den Mittelpunkt – ausländische Zivilarbeiter mit unterschiedlichem Rechtsstatus, Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge, Häftlinge von Gestapo- und „Arbeitserziehungslagern“, jüdische Zwangsarbeiter oder Sinti und Roma. Die Ausstellung „Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg“ integriert hingegen solche Teilaspekte in eine Gesamtgeschichte der nationalsozialistischen Zwangsarbeit sowohl im Deutschen Reich wie in den deutsch besetzten oder kontrollierten Gebieten. Darüber hinaus verbindet sie diese Geschichte mit der Geschichte der Erinnerung und Aufarbeitung der Zwangsarbeit nach 1945 – insbesondere in Deutschland, aber auch über Deutschland hinaus, einer Geschichte teils über Jahrzehnte verweigerter Anerkennung und Entschädigung.

Die Ausstellung schließt deshalb mit der sowohl vergangenheits- als auch zukunftsgerichteten Frage nach angemessener historischer Erinnerung, Aufarbeitung und Gerechtigkeit.

Der erste Abschnitt der Ausstellung ist der Zeit vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, also den Jahren 1933 bis 1939 gewidmet. Hier werden insbesondere die rassistisch-ideologischen Wurzeln der nationalsozialistischen Zwangsarbeit offen gelegt. Einerseits adelte Arbeit angeblich die Mitglieder der selbsternannten „Herrenrasse“, andererseits war Arbeit aber ein Mittel zur Entwürdigung und Ausgrenzung von Menschen, die von den Nationalsozialisten als minderwertig bezeichnet wurden. Zwangsarbeit war so von Anfang an ein zentraler Bestandteil der nationalsozialistischen Gesellschaftsordnung und damit weit mehr als eine Begleiterscheinung des Krieges. Was in diesen Jahren propagiert, teils rechtlich kodifiziert und mit breiter gesellschaftlicher Teilhabe in die Praxis umgesetzt wurde, bildete den Ausgangspunkt für die nachfolgende Radikalisierung der Zwangsarbeit im besetzten Europa, bis hin zur Arbeit als Vernichtung. Dieser Ausweitung und Radikalisierung ist der zweite Abschnitt der Ausstellung gewidmet. Der dritte Ausstellungsabschnitt wendet sich der Zwangsarbeit – als Massenphänomen – im Deutschen Reich ab 1941/42 zu. Er endet mit Massakern an Zwangsarbeitern bei Kriegsende. Der vierte Teil der Ausstellung umfasst die Zeit von der Befreiung 1945 bis in die Gegenwart. Behandelt werden die unmittelbaren Folgen der Befreiung, Ansätze der juristischen Ahndung und Aufarbeitung und schließlich der lange Weg vom Leugnen und Beschweigen hin zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung und Anerkennung der Zwangsarbeit als Verbrechen. Das letzte Wort haben ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter.

Besonderes Augenmerk legt die Ausstellung auf die Beziehungsgeschichte von Deutschen und Zwangsarbeitern. Diese Geschichte lässt sich – wie eingangs bereits gesagt – nicht auf eine kleine Gruppe von Funktionsträgern des Regimes eingrenzen. Jede Deutsche, jeder Deutsche musste sich entscheiden, wie sie, wie er Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern begegnete: mit einem Rest von Mitmenschlichkeit oder der angeblich gebotenen – rassistisch gerechtfertigten – Kälte und Unerbittlichkeit des Angehörigen eines vermeintlich höherwertigen Volkes. Es gab Handlungsspielräume, und wie von diesen Gebrauch gemacht wurde, sagt nicht nur etwas über die Einzelnen aus, sondern auch über die Präge- und Anziehungskraft nationalsozialistischer Ideologeme und nationalsozialistischer Praxis. In dieser Perspektive geht die Ausstellung über die Geschichte der Zwangsarbeit im engeren Sinne hinaus und verdeutlicht an ihr, wie stark die deutsche Gesellschaft nationalsozialistisch durchdrungen wurde. Die Geschichte der nationalsozialistischen Zwangsarbeit – so der Befund – lässt sich keinesfalls auf ein bloßes Regimeverbrechen reduzieren, sie wird vielmehr als Gesellschaftsverbrechen erkennbar. Denn immerhin gehörten zu den Profiteuren und Akteuren der Zwangsarbeit nicht nur genuin nationalsozialistische Institutionen oder große (Rüstungs-)Unternehmen, sondern auch Millionen von Handwerkern, Landwirten, Privathaushalten und sogar karikative Einrichtungen der Kirchen. Anders gesagt, Zwangsarbeit formierte die von den Nationalsozialisten propagierte, auf Inklusion und rassistischer Exklusion beruhende „Volksgemeinschaft“ zugleich als Zugewinngemeinschaft – und dies nicht nur materiell. Die rassistische Herabstufung und Ausgrenzung angeblich Minderwertiger, die Trennung von „Herrenmenschen“ und „Arbeitsvölkern“ ermöglichte „arischen“ Deutschen auch eine im Alltag erlebbare Aufwertung und Höherstellung, mochten sie auf der innergesellschaftlichen sozialen Stufenleiter noch so niedrig stehen. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Mit der Herausarbeitung der nationalsozialistischen Durchdringung der deutschen Gesellschaft will die Ausstellung nicht einer Kollektivschuld das Wort reden, wohl aber einen möglichst tiefenscharfen Blick auf den NS-Staat und damit auf die denkbar radikalste Form einer rassistischen Gesellschaftsordnung ermöglichen. Dazu ist die differenzierte Darstellung der gesellschaftlichen Akteure und ihrer Handlungen im Spannungsfeld von aktiver Teilhabe über passive Duldung der Verbrechen bis hin zu heimlicher Anteilnahme, Verweigerung oder Widerstand unerlässlich.

Im Sinne der hier umrissenen Aufgabenstellung und um das überaus komplexe, multidimensionale Thema auch für Laien greifbar und plastisch zu machen, bilden über sechzig repräsentative Fallgeschichten den sachlichen Kern der Ausstellung. Sie wurden, wie überhaupt die Mehrzahl der gezeigten Dokumente und Bildüberlieferungen, akribisch in einer Vielzahl von Archiven in ganz Europa und darüber hinaus eigens für die Ausstellung recherchiert. Thematisch reichen diese Fallgeschichten von der entwürdigenden Arbeit politisch Verfolgter in Chemnitz nach der Machtergreifung bis hin zur mörderischen Sklavenarbeit von Juden im besetzten Polen oder dem Zwangsarbeitsalltag auf einem Bauernhof in Niederösterreich. Der repräsentative – bzw. exemplarische – Charakter der Fallgeschichten hat unterschiedliche Bezugspunkte. Zum einen ging es darum, allen Opfergruppen und ihren spezifischen Erfahrungen Ausdruck zu geben. Zum anderen sollten aber auch die verschiedenen Einsatzformen und -gebiete sowie die Schlüsselbranchen des Zwangsarbeitereinsatzes deutlich werden. Und nicht zuletzt wurde bei der Auswahl der Beispiele darauf Wert gelegt, die Entwicklung der Zwangsarbeit und des Zwangsarbeitsregimes in seiner Radikalisierung kenntlich zu machen.

Zu den Überraschungen der umfangreichen internationalen Archivrecherchen gehörte die Entdeckung einer unerwartet breiten und dichten fotografischen Überlieferung signifikanter Ereignisse. Deren quellenkritisch fundierte Präsentation in Verbindung mit den Fallgeschichten bildet – inhaltlich, gestalterisch und ausstellungsdidaktisch – die zweite Säule der Ausstellung. Rekonstruiert werden konnten zum einen ganze Fotoserien, die – mit aller Vorsicht formuliert – einen gleichsam szenischen Zugang zu Aspekten der Geschichte der Zwangsarbeit ermöglichen. Dies kommt nicht nur einer Vielzahl von Ausstellungsbesucherinnen und -besuchern, nicht zuletzt Jugendlichen, im Zeitalter der Visualität entgegen. Die serielle fotografische Vergegenwärtigung von Situationen und Personen in einem Handlungskontext entspricht auch dem Anliegen, die Geschichte der Zwangsarbeit als Beziehungsgeschichte zu vergegenwärtigen und begreifbar zu machen. Zudem erleichtert sie den Zugang zur Frage, wie Deutsche von ihren Handlungsspielräumen Gebrauch gemacht haben. Um diese visuellen Repräsentationen der Geschichte tatsächlich als Interesse weckende, Erkenntnisprozesse in Gang setzende Quellen – im Gegensatz zu sich vermeintlich selbsterklärenden Widerspiegelungen der Vergangenheit – erfahrbar und erarbeitbar zu machen, wurden nicht nur die einzelnen Fotos der Serien – so weit möglich – ermittelt, sondern auch deren Urheber, die Situation, abgebildete Personen und die Verwendungs- bzw. Überlieferungsgeschichte. Visualität in Gestalt quasi filmisch angeordneter Foto- oder Fotoausschnittsvergrößerungen ist also kein Selbstzweck, will nicht übermächtige oder vordergründig Attraktionen schaffen. Sie bildet vielmehr den Ausgangs- und Einstiegspunkt für die tiefer- und weitergehende Auseinandersetzung mit der Geschichte. Dazu sind den vergrößerten Präsentationen der Fotos oder ihrer Ausschnitte eigens Vitrinen zugeordnet, in denen die Fotos im Originalformat im Kontext weiterer Quellen gezeigt werden. Dieser quellenkritische Umgang mit der historischen Fotografie reagiert zugleich auf ein anderes Überlieferungsproblem. Die Sachüberlieferung zur Zwangsarbeit im Nationalsozialismus ist nicht nur in vielerlei Hinsicht redundant bzw. nur eingeschränkt signifikant – man denke an die sich gleichenden Produkte der Zwangsarbeit wie Waffenteile und Munition –, sie kann auch in die Irre führen, etwa dann, wenn man von vielfach überlieferten selbstgefertigten Andenken auf den tatsächlichen Charakter der Zwangsarbeit schließen würde.

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Besonderer Dank gilt an dieser Stelle der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) – namentlich den Vorständen Dr. Martin Salm und Günter Saathoff – und ihrem Kuratorium. Die Stiftung EVZ hat das Vorhaben, eine umfassende Ausstellung zur Geschichte und Nachgeschichte der Zwangsarbeit im Nationalsozialismus zu erarbeiten, initiiert und finanziert. Bei der Umsetzung des Projektes hat sie die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora mit nie nachlassendem Engagement unterstützt. Größten Dank schulden die Ausstellungsmacher auch den vielen ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, die das Projekt in den drei Jahren seiner Vorbereitung freundschaftlich begleitet und ihre Erfahrungen in die Ausstellung eingebracht haben. In den Gesprächen mit ihnen wurde immer wieder deutlich, wie wichtig es ist, die transnationale Erfahrung der nationalsozialistischen Zwangsarbeit zu einem lebendigen Kern eines europäischen Gedächtnisses zu machen. Mit Absicht ist die Ausstellung „Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg“ deshalb als internationale Wanderausstellung konzipiert worden.

(aus dem Begleitband zur internationalen Wanderausstellung „Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg“, hg. v. Volkhard Knigge, Rikola-Gunnar Lüttgenau, Jens-Christian Wagner, Weimar 2010, S. 6-11.)